Jahreslosung

Jahreslosung 2017
Gertrud Deppe Jahreslosung 2017 
Auslegung von Werner Milstein
 
zum Bild der Jahreslosung 2017 von Gertrud Deppe
Ich schenke euch ein neues Herz

und lege einen neuen Geist in euch. Ez 36,26 

 Es sind Bilder, die uns innehalten lassen, die uns verstören und nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Sie machen Geschichte, gehen um die Welt und werden zur Metapher eines ganzen Zeitalters. Sie erzählen Geschichten von Menschen, die oft namenlos bleiben, aber die der Zeit ihr Gesicht geben. Im Grunde ist es nur eine Notiz, ein unscheinbares Bild inmitten all der Schlagzeilen, die täglich über die Bildschirme flimmern. Aber die Bildunterschrift lässt unsere Gedanken stocken. Ein Helfer auf hoher See hält ein Baby im Arm, er hat es aus dem Wasser gezogen und es scheint in seinen Armen zu schlafen. Er wiegt das Kind, er singt, er tröstet sich. Nur so ist es für ihn zu ertragen, er braucht selbst diesen Trost. Von Beruf ist er Musiktherapeut, er weiß um die helfende und heilende Kraft der Musik. Für diesen Schmerz gibt es keine Worte, für diese Trauer finden sich keine Formulierungen. So viele Menschen haben sie aus dem Holzboot retten können und so viele Leichen mussten sie bergen. Und dazwischen dieses kleine tote Baby, das der Helfer langsam und vorsichtig aus dem Wasser zog. Das Bild mit dem Kind in seinem Arm ging über Facebook um die Welt. Noch nie, sagen die UN in ihrem alljährlichen Bericht, waren so viele Menschen auf der Flucht. In Krieg und Naturkatastrophen versinken ganze Welten, werden Menschenleben zerrieben, setzen sie ihre ganze Existenz und Hoffnung in ein Boot, ein kleines Boot aus Holz. Vielleicht kommen sie an irgendeiner Küste an, vielleicht werden sie irgendwo aufgegriffen, vielleicht werden sie von irgendwem gerettet ... Flucht und Vertreibung, Krieg und Zerstörung hatten die Menschen zur Zeit Ezechiels hinter sich, aber noch nicht vergessen. Sie haben Jerusalem in Flammen aufgehen sehen, sie haben erlebt, wie der Tempel zerbrach. Es geschah, was sie nicht glauben wollten und konnten, Gott schwieg und ließ all das geschehen. In langen Reihen wurden sie in die Verbannung geführt. Sie erlebten die Fremde, den Hochmut der Feinde, den Spott der Sieger. Ihre Welt, die ihnen so sicher schien, war untergegangen, auf immer verloren. Und wenn sie ehrlich waren, dann war es ihnen recht geschehen. Sie hätten sich so gerne über die Ungerechtigkeit beschwert, hätten gegen Gott geklagt, hätten laut geschrien und ihre Hände gen Himmel erhoben. Aber dazu hatten sie keinen Grund und kein Recht. Sie wussten es, sie hatten ihre gerechte Strafe empfangen. Sie haben nicht nur ihre eigene Ehre beschmutzt, sondern die Gottes dazu. Vor den Völkern sollten sie leuchten, dazu hatte Gott sie erwählt, nun ernten sie den Spott aller Völker. So sollte es bleiben, das wäre nur gerecht. Sie wissen es selbst. Sie kennen sich selbst. Wie sollte es anders werden? Sie würden wieder scheitern. Sie bleiben doch die Alten. Die Bibel spricht so ernüchternd von uns Menschen. Mit Adam hat es begonnen und seitdem setzt es sich durch die Zeit fort. Sie haben es im eigenen Land erlebt und auch am eigenen Leib, wie egoistisch die Gedanken sein können, wie hart das Herz sein kann. Dennoch, es soll einen Neuanfang geben. So lässt Gott es den Propheten sagen, so hat er es bestimmt. Und es kann nur so beginnen, dass der Mensch ganz neu wird. Ein neues Herz, ein neuer Sinn, ein neues Gemüt, und ein neuer Geist, ein neuer Wille, eine neue Kraft. Das steht im Mittelpunkt, darin wird den Menschen und der Welt eine neue Zukunft verheißen. Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott, sagte Luther. Und er hat genau das erfahren, dass Gott ihm ein neues Herz geschenkt hat, dass er sein Leben von Grund verändert hat. Das kann kein Mensch, das kann nur der Geist Gottes, der unseren Geist lenkt und bewegt. Wir können es uns nicht verdienen, wir können es uns nur schenken lassen und mit offenen Armen empfangen. Die Geschichte, in der das Wort der Jahreslosung an Ezechiel erging, hat die Menschen ihre Schuld und ihre Grenzen bitter erfahren lassen, und sie gleichzeitig erkennen und erleben lassen, wer Gott ist. Er hat sie nicht vergessen und aufgegeben, er traut ihnen einen Neuanfang zu, mehr noch, er will mit ihnen neu beginnen. Und sie kehren zurück, sie bauen den Tempel auf und Jerusalem entsteht neu. Jahrhunderte vergehen, aber es gibt immer noch Krieg und Gewalt, Menschen müssen fliehen und werden vertrieben. Und noch einmal beginnt Gott neu – in einem Kind, einem Flüchtlingskind. Man trachtet ihm schon früh nach dem Leben. Das Kreuz wird zu seinem Zeichen, zwei Balken, zum Galgen aufgerichtet. Dahinter aber die Sonne, die aufgehende Ostersonne. Davon erzählen die Evangelisten und davon erzählt auch das Bild zur Jahreslosung. Die Linien verbinden die Geschichten miteinander. Der neue Mensch mit dem neuen Herzen und dem neuen Geist, das ist dieses Kind, dieser Mann, der von der neuen Welt Gottes sprach, der Menschen dazu berufen und auch dazu befähigt hat, diese Welt nicht nur zu verkündigen, sondern auch zu leben. Kinder des Lichtes, Kinder des Geistes sollen wir sein. Wir sind es nicht aus uns heraus von oben, von Gott empfangen wir den neuen Sinn und die neue Kraft. Eine neue Welt soll entstehen, so will es Gott, so wird seinem Namen die Ehre gegeben. Ein Kind, das ein Retter in seinen Armen hält, der zu seinem eigenen Trost singt, erinnert uns schmerzhaft an die Welt, in der wir leben, in der das Leid so viele Namen hat und so viele Namen verschlingt. Ein Kind, ebenso unschuldig und gefährdet, hat uns die Botschaft gebracht, dass wir nicht verloren sind, dass Gott uns und der Welt einen Neuanfang schenkt. Ein Zeitgenosse Ezechiels, Deuterojesaja, hat dieses Kind angekündigt. In Jesus von Nazareth glauben wir dieses Kind zu erkennen. In einer Zeit, in der sich die Sinne verfinstert und die Herzen verhärtet haben, legt Gott ein neues Herz und einen neuen Geist in uns. Und wir dürfen sicher sein, wo dieser Geist wirkt und Menschen Herz zeigen, da wird es keinen Krieg und keine Gewalt mehr geben, da wird niemand mehr vertrieben und muss fliehen, da werden keine Flüchtlinge mehr bedroht und keine Heime mehr angezündet werden. Und da brauchen wir auch keine Bilder mehr, die uns zu Herzen gehen.